B. Altena u. a.: Gesellschaftsgeschichte der Neuzeit

Titel
Gesellschaftsgeschichte der Neuzeit 1750-1989. Freiheit und Vernunft


Autor(en)
Altena, Bert; van Lente, Dick
Reihe
UTB 3140
Erschienen
Stuttgart 2009: UTB
Anzahl Seiten
444 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Neuheiser, Historisches Seminar, Eberhard Karls Universität Tübingen

Während die zu Recht mit einiger Begeisterung aufgenommene Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts von Jürgen Osterhammel die deutsche Geschichtswissenschaft jüngst eindrucksvoll auf die Möglichkeiten der Neubewertung auch vermeintlich bekannter europäischer Entwicklungen in globaler Perspektive aufmerksam gemacht hat 1, erinnert das fast zeitgleich erschienene Buch von Bert Altena und Dick van Lente an eine schon länger etablierte transnationale historische Erzählung. Ihre Darstellung folgt dem Kanon der Neueren Geschichte aus mitteleuropäischer Perspektive und entspricht zudem in mancher Hinsicht dem Programm nordamerikanischer Überblicksvorlesungen zur „Western Civilisation“. Von der Aufklärung bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks schildern sie die „Geschichte der westlichen Gesellschaften“ – so der Untertitel der niederländischen Originalausgabe – und interpretieren diese entlang der klassisch modernisierungstheoretischen Formel von Erneuerung im Zeichen von Freiheit und Vernunft. Dass auch sonst durchweg eher konventionelle Deutungen der großen Linien in der europäisch-westlichen Geschichte präsentiert werden, ist dem Buch nicht vorzuhalten. Es richtet sich gezielt an Studienanfänger in den Geschichtswissenschaften und sollte weniger als Synthese denn als Lehrbuch beurteilt werden.

Ihren rund 250 Jahre umfassenden Zeitraum gliedern Altena und van Lente in drei große Epochen, denen jeweils ein Teil des Buches gewidmet ist. Dem „Zeitalter der Revolutionen“, das bei ihnen von 1750 bis 1850 reicht, folgt in der zweiten Hälfte des „langen“ 19. Jahrhunderts eine Phase von beschleunigter „Industrialisierung, Imperialismus und bürgerliche[r] Kultur“, die mit dem Ersten Weltkrieg endet. Schließlich schildert der dritte Teil das „kurze“ 20. Jahrhundert von 1918 bis 1989 als „Jahrhundert von Krieg, Wohlstand und Ordnung“. Innerhalb dieser Teile behandelt jeweils ein Kapitel Wirtschaft, Kultur und Politik – das Stichwort Gesellschaftsgeschichte aus dem deutschen Titel ist hier Programm, wobei die mit dem Konzept eigentlich verbundene vierte Dimension der sozialen Ungleichheit in die drei anderen Bereiche integriert wird und unter Kultur nicht nur Bildung und Wissenschaft sowie Religion und Kunst erfasst, sondern auch die großen Linien der Ideengeschichte nachgezeichnet werden. Phänomene wie Aufklärung und Romantik, bürgerliche Kultur und Wertewandel haben daher in den Kulturkapiteln ihren Platz, während soziale und politische Folgen etwa des aufklärerischen Denkens unter Politik und Wirtschaft behandelt werden. Die Konsequenz dieser streng schematischen Unterteilung von Gesellschaft in künstlich getrennte Felder sozialen Handelns ist die bisweilen irritierende Trennung von unmittelbar verbundenen Aspekten: So erfährt der Leser von den wirtschaftlichen Konsequenzen des imperialen Ausgreifens der europäischen Großmächte im späten 19. Jahrhundert lange bevor rund achtzig Seiten später die politischen Hintergründe von Imperialismus und Kolonialismus dargestellt werden.

Wie bei einem Lehrbuch nicht anders zu erwarten, bieten die Autoren dem Fachkundigen inhaltlich wenig Überraschendes. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme der europäischen Verhältnisse um 1750 folgen im ersten Teil Darstellungen der Industriellen Revolution mit einem Schwerpunkt auf England, ein Panorama gesellschaftlicher Entwicklungen im Spannungsfeld von Aufklärung und Romantik sowie die Schilderung der politischen Umwälzungen in Nordamerika und Frankreich mit ihren internationalen Konsequenzen bis zur letzten Revolutionswelle von 1848.

Im zweiten Teil wird die Ausdehnung industrieller Produktionsverfahren in andere europäische Länder in den Blick genommen. Schwerpunkte werden dabei auf die kulturell prägende Kraft des Bürgertums und die Darstellung der internationalen Staatenwelt gelegt. Die Staatengemeinschaft wird dabei in zweifacher Hinsicht präsentiert – zum einen als ein in unkontrollierter Konkurrenz auf den Ersten Weltkrieg zusteuerndes anarchisches System, das nach dem Verfall der auf dem Wiener Kongress geschaffenen europäischen Ordnung keine belastbaren Instrumente für einen Ausgleich nationaler Interessen fand, zum anderen als Nebeneinander von Nationalstaaten, in denen Nationalismus und rationale Bürokratie die Grundlagen für die Ausgestaltung moderner Staatlichkeit und den endgültigen Wandel von vormodernen Feudalgesellschaften zu modernen Bürgerstaaten bildeten.

Das 20. Jahrhundert wird abschließend mit durchweg zweigeteilten Kapiteln betrachtet. Einem Abriss der wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs und der ökonomischen Entwicklungen im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs folgt die Schilderung einer immer globaler agierenden Weltwirtschaft im Zeichen der Systemkonkurrenz von Kapitalismus und Sozialismus. Kulturell zeichnen die Autoren die Spannung zwischen wachsender Verwissenschaftlichung und künstlerischen wie philosophischen Weltdeutungen jenseits naturwissenschaftlicher Gewissheiten bis 1945 nach, bevor sie die gesellschaftlichen Brüche in den späten 1960er-Jahren als zentralen Angelpunkt der Nachkriegskultur präsentieren. Während der Ostblock hier ganz in den Hintergrund tritt, dominiert der Ost-West-Konflikt die Darstellung der politischen Verhältnisse nach 1945, der die ausführliche Behandlung der totalitären Regime und Bewegungen in Sowjetrussland und dem nationalsozialistischen Deutschland, aber auch in anderen europäischen Staaten vorausgeht.

Am Ende steht das Bild eines „Westens“, der sich über 250 Jahre entlang der spannungsgeladenen Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum dominanten Modell auf dem Planeten entwickelt hat und aus Sicht der Autoren mit seiner wirtschaftlichen Schlagkraft, verfasst in pluralistisch-demokratischen politischen Strukturen und geprägt vom Ringen um inneren sozialen Ausgleich die „Option für die Gestaltung einer humanen Welt“ (S. 405) bereitstellt. Obwohl Altena und van Lente sich der Kosten der Auseinandersetzungen um wirtschaftliche, kulturelle und politische Erneuerung unter dem Vorzeichen von Freiheit und Vernunft bewusst sind und von Sonderwegsdebatten ebenso wie von „normalen“ Entwicklungsmodellen nichts wissen wollen, mündet ihre Darstellung schließlich doch in die große Erzählung vom Siegeszug der „westlichen“ Zivilgesellschaft auf dem Weg in die Moderne. Diese Interpretation ist alles andere als neu und sie überzeugt auch in der vorliegenden Fassung mit ihren teleologischen Zügen und häufigen Verallgemeinerungen allenfalls im Ansatz – hinter den großen Linien tauchen Fragen über Fragen auf, deren Beantwortung die Geschichtswissenschaft vor große Aufgaben stellt.

Dieser Kritik würden die Autoren vermutlich nicht widersprechen. Denn ihr Ziel ist nicht die abschließende Deutung der Geschichte des Westens, sondern eine einführende Übersicht für Studienanfänger. Als solche ist das Buch durchaus gelungen: Seine große Stärke ist die präzise und auf gut 400 Seiten zugleich knappe vergleichende Präsentation divergierender Entwicklungen in verschiedenen westlichen Staaten und politischen Räumen sowie die verlässliche Schilderung von so unterschiedlichen zentralen Ereignissen wie der Amerikanischen und Französischen Revolution, der Wirkung der Forschungen Charles Darwins oder grundlegender Strukturen der Industrialisierung. Welcher akademische Lehrer würde sich nicht wünschen, dass seine Studenten zumindest eine allgemeine Vorstellung von der englischen Verfassung im Wandel der Zeit, den russischen Revolutionen nach 1900 oder der Alltagswelt von Bauern und Arbeitern, Bürgern und Adeligen im 19. Jahrhundert hätten? Gerade an deutschen Universitäten, wo einführende Überblicksvorlesungen nicht selbstverständlich Bestandteil des akademischen Curriculums sind, kann das Buch angehenden Historikerinnen und Historikern daher durchaus empfohlen werden. In verständlicher Sprache und mit guten Literaturempfehlungen schließt es die Lücke zwischen knappen Schulbuchtexten und vertiefender Fachliteratur und weitet den Blick über nationale Grenzen hinaus. Freilich kann es die Lektüre anderer und nicht ohne Grund auf viele Bände angelegter Handbücher nicht ersetzen: Allzu viele Details darf der Leser nicht erwarten und einen Überblick über oder auch nur Hinweise auf fachwissenschaftliche Debatten sucht man vergeblich. Für ein wirklich ausgezeichnetes Studienbuch geben Altena und van Lente daher eher zu viele Antworten als zu wenige – man würde sich wünschen, dass dem Anfänger neben Fakten und einer großen Erzählung auch Fragen und Aufgaben mit auf den Weg gegeben werden.

Anmerkung:
1 Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009.